Steigende Jugendarbeitslosigkeit darf sich nicht verfestigen

15. Januar 2025

arbeit plus – Soziale Unternehmen Tirol setzt sich für die Verbesserung der Lebenschancen junger Menschen ein

 

„Was, wenn du fällst?“

2025 werden es 13 Jahre sein, seit denen das gleichnamige Tiroler Aktionsbündnis - bestehend aus Gewerkschaftsjugend Tirol, youngCaritas Tirol, Haus der Begegnung, POJAT, Dekanatsjugend Innsbruck und der Katholischen Jugend Innsbruck - diese Frage stellt. Die Jugendvertreter:innen weisen alljährlich anlässlich des Tages Arbeitslosen Ende April auf die Situation von erwerbsarbeitslosen Jugendlichen hin und rücken das Tabuthema in den Fokus der Öffentlichkeit. Der „Balanceakt“ als den das Bündnis den Übergang zwischen Schule und Beruf bereits vor vielen Jahren dargestellt hat, ist nach wie vor ein solcher. Und das Seil erscheint durch multiple Krisen, mit denen sich besonders junge Menschen konfrontiert sehen, noch höher gespannt.  

„Wie schwer ist es?“ 

- fragt TikToker Marvin Teufl in der Social Media Kampagne des AMS Niederösterreich, die es sich zum Ziel gesetzt hat, junge Menschen mit Ausbildungsbetrieben ideal zu „matchen“ und Jugendliche und junge Erwachsene beim Einstieg in ein erfüllendes Berufsleben zu unterstützen. Wirft man einen Blick auf die aktuellen AMS Zahlen und die Entwicklungen der letzten Jahre und Monate, so lautet die Antwort wohl durchgängig: „Ganz schön schwer!“


Und das gilt vom Neusiedler- bis zum Bodensee: Ein Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit ist nämlich bundesweit zu verzeichnen. Während laut AMS Statistik die Zahl der arbeitslosen Personen in Tirol im Dezember 2024 im Jahresvergleich generell Anstiege verzeichnet (+ 6,1%), fällt der Anstieg der Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen im Alter bis 24 Jahre mit einem Plus von 10 % (auf 2.200 Personen) am stärksten aus. Der Jugendbericht des AMS Tirol, der die wichtigsten Arbeitsmarktdaten mit speziellem Fokus auf die Personengruppe unter 25 Jahre enthält, zeigte im November 2024 einen stetig steigenden Trend bezüglich Jugendarbeitslosigkeit - trotz umfangreicher Angebote an Schulungsmaßnahmen und offenen Lehrstellen. Die Lage erweist sich im Bericht auch stark geprägt von strukturellen Unterschieden zwischen den Bezirken und Regionen und Dynamiken in bestimmten Branchen. 

Was heißt das?

Konkret bedeutet das: 2.200 junge Erwachsene, die Unterstützung dabei benötigen, ihren beruflichen Weg zu finden. Hier rasch zu handeln, ist essenziell, denn die Erfahrungen von Sozialen Unternehmen und von Einrichtungen der Jugendarbeit zeigen: Jugendarbeitslosigkeit mindert die späteren Erwerbschancen und Lebenseinkommen deutlich und kann somit viele soziale Folgeprobleme verursachen.


Organisationen im Netzwerk von arbeit plus – Soziale Unternehmen Tirol – wie etwa das Globus Jugendcollege von Ibis Acam oder die LEA Produktionsschule von KAOS Bildungsservice - richten sich explizit an Jugendliche und junge Erwachsene. Aber auch bei allen weiteren Sozialen Unternehmen in unserem Netzwerk zeigt sich ein Trend zu einer zunehmend jünger werdenden Klient:innenschaft, die als langzeitarbeitslos gilt.

Angesichts der aktuellen – von anhaltender Konjunkturschwäche, Inflation und Wirtschaftseinbrüchen geprägten – Entwicklungen am Arbeitsmarkt und der andauernden Nachwirkungen der Pandemie, die besonders bei Jugendlichen noch stark zu spüren sind, weisen arbeit plus Tirol Mitglieder auf den akuten Handlungsbedarf hin: „Besonders für bereits benachteiligte junge Menschen in Tirol hat sich der Einstieg ins Berufsleben zusätzlich erschwert: Die Corona-Krise hat neue Herausforderungen wie verstärkte psychische Belastungen mit sich gebracht und bestehende Probleme verschärft – etwa beim Matching zwischen Jugendlichen auf Lehrstellensuche und Betrieben, oder beim Übergang in weiterführende berufliche Perspektiven nach der schulischen Ausbildung“, berichtet Martin Straganz, Geschäftsführer des Globus Jugendcollege von ibis acam, das u.a. junge Menschen mit positivem Asylbescheid beim Stärken ihrer Kompetenzen unterstützt. 

Was braucht es?

Aus den Erfahrungen arbeitsmarktintegrativer Angebote wissen wir: Es ist zwingend erforderlich, dass Jugendliche die Möglichkeit einer adäquaten Berufsausbildung haben. Nur so kann das Risiko auf eine prekäre Situation im Erwachsenenberufsleben eingedämmt werden. Es braucht einen niederschwelligen Zugang zu Beratung und Begleitung am Übergang zwischen Schule und Berufsleben. Neben der notwendigen Fortführung der vielen erfolgreich erprobten Instrumente zur Unterstützung von jungen Menschen, gilt es vorausschauend auch den Ausbau von Qualifizierungs- und Beschäftigungsangeboten in Zukunftsbranchen voranzutreiben: Green Jobs, digitale Inklusion, Gesundheits- und Sozialberufe.

Und auch die Wirtschaft, die händeringend nach (zukünftigen) Fachkräften sucht, ist gefragt! Denn oft sind die Anforderungen an junge Menschen, die eine Lehrstelle suchen, enorm: Erwartet wird neben Pflichtschulabschluss mit guten Noten, guten Umgangsformen und Berufsinteresse häufig eine große Bandbreite an zusätzlichen Qualifikationen. Bewerber:innen sollen zeitlich und örtlich sehr flexibel sein und möglichst keine persönlichen Probleme mitbringen. Diese Erwartungshaltungen spiegeln aber schlichtweg nicht die Lebensrealitäten der „Generation Corona“ wider.

„Die Stärkung individueller Potenziale, eine vertrauensvolle, qualifizierte Beratung und Begleitung sowie eine enge Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmen sind bewährte Erfolgsfaktoren“, berichtet Stephan Gruber-Fischnaller aus der täglichen Arbeit mit jungen Menschen. „Es ist entscheidend, die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie stehen“, betont der Geschäftsführer der Bildungseinrichtung. „Die Erwartungen müssen an die Lebensrealitäten der jungen Menschen angepasst werden. Damit ihre Potenziale zur Entfaltung kommen, braucht es oft eine zweite oder sogar eine dritte Chance. So können wir nicht nur dem Fachkräftemangel aktiv entgegenwirken, sondern den Jugendlichen zugleich den Weg in ein selbstbestimmtes (Arbeits-)Leben ebnen.“


Um einen vielfältigen Angebotsmix, der Jugendliche dabei unterstützt, im Berufsleben Fuß zu fassen, weiterhin in ausreichender Qualität anbieten zu können, braucht es entsprechende Rahmenbedingungen: „Um Jugendliche auch weiter erfolgreich auf ihrem Weg ins Berufsleben zu begleiten, braucht es stabile und verlässliche Strukturen “, betont Melanie Spangler, Geschäftsführerin von arbeit plus Tirol. „Die Sozialen Unternehmen im Netzwerk von arbeit plus Tirol verfügen über die nötige Expertise und kennen die regionalen Arbeitsmarktchancen. Doch dafür sind eine verlässliche Finanzierung und Planungssicherheit entscheidend – Kürzungen und Einsparungen gefährden passgenaue Angebote.“

Die aktuellen Entwicklungen in den Regierungsverhandlungen geben auch hinsichtlich Jugendarbeitslosigkeit Anlass zu Sorge, zumal bereits vorangegangene ÖVP-FPÖ Koalitionen einen Paradigmenwechsel von einer Politik zugunsten der Jugendlichen hin zu einer starken Ausrichtung an den Interessen der Unternehmen aufwiesen (Tamesberger und Knecht, 2024). Spangler fordert demnach politische Prioritäten und ressortübergreifende Zusammenarbeit, um Perspektiven zu sichern: „Wir müssen verhindern, dass die aktuellen Krisen die Lebenschancen junger Menschen dauerhaft verschlechtern.“

Quellen:

Berufsreise Blog, 2021: Was bisher geschah.

https://berufsreise.blog/wp-content/uploads/2021/04/was_bisher_geschah_wwdf_2020.pdf

 

AMS Tirol, 2024: Jugendbericht 2024

https://www.ams.at/content/dam/download/arbeitsmarktdaten/tirol/700_Jugendbericht_112024.pdf

 

AMS Österreich: https://jugendseite.ams.at/home.html


Tamesberger, Dennis und Alban Knecht, 2024: „In die Zukunft der Jugend investieren statt Unternehmen subventionieren“. In: A&W Blog. https://www.awblog.at/Arbeit/In-die-Zukunft-der-Jugend-investieren

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