#beratungwirkt - Internationaler Tag der Psychischen Gesundheit

9. November 2024

Wie prozessorientierte, psychosoziale Beratung und Begleitung im arbeitsmarktpolitischen Kontext wirken kann – wenn nur die Rahmenbedingungen stimmen!

 

Vergangenen Monat, genauer gesagt am 10. Oktober, rückte der „Welttag der psychischen Gesundheit“ die mentalen Belastungen, mit denen sich viele Menschen konfrontiert sehen, in den Vordergrund.

 

Besonders in den bewegten Zeiten, in denen wir leben, sind es Faktoren wie Kostensteigerung, Klimakrise, Kriege, …, die psychischer Stabilität entgegenwirken. In Österreich hob heuer der Fonds Gesundes Österreich besonders die Bedeutung von psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz hervor. Denn im Arbeitsalltag kommt es oft zu Stress, Leistungsdruck und Unsicherheit. Lt. WIFO Fehlzeitenreport (Mayrhuber und Bittschi, 2024) sind Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Burnout und Angststörungen weiterhin stark im Vormarsch. Deshalb ist es entscheidend, dass nicht nur besonderes Augenmerk auf körperliche, sondern auch auf mentale Gesundheit im Kontext von Arbeit und Arbeitsuche gelegt und diese gefördert wird. 

 

Der von AMS und abif 2022 publizierte Arbeitsmarktstrukturbericht „Psychosoziale Konsequenzen von Corona bzw. Corona-bedingter Arbeitslosigkeit – Schlussfolgerungen für die Arbeitsmarktpolitik“ (Kranner und Steine, 2022) hält die auffallende Häufigkeit u.a. bei Armutsbetroffenen und Erwerbsarbeitslosen fest: „Die relative Häufigkeit (Prävalenz) psychopathologischer Symptomatiken in den Bereichen Angst, Depression, Stress, Belastung und Schlaf zeigte sich seit Beginn der Corona-Krise in der internationalen, wie österreichischen Bevölkerung deutlich erhöht, (…). Besonders ausgeprägte Symptome berichteten vor allem jüngere Menschen, Alleinstehende, Frauen sowie Personen, welche von Armut bzw. Arbeitslosigkeit betroffen waren.“

 

Auch in den Sozialen Unternehmen, die mit Beratung, Qualifizierung und temporären Arbeitsplätzen Langzeiterwerbslose beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt unterstützen, ist diese Tendenz spürbar.

 

So wählte die Mehrheit der Mitglieder im Netzwerk von arbeit plus etwa diesen Themenkomplex in einer Umfrage als das Thema, das ihnen am meisten „unter den Nägeln brennt“ und in der Mitarbeiter:innentagung behandelt werden sollte. Unter dem Titel Gärtner*innen im Garten des Resilienz holten sich Schlüsselarbeitskräfte, Berater:innen und Trainer:innen im März 2022 professionelle Inputs und konnten besonders im Austausch mit Kolleg:innen Strategien gegen die Zusatzbelastungen entwickeln. Heute, 2 Jahre später, scheint sich die Problematik stetig zuzuspitzen. Weiterbildungsangebote wie etwa die von arbeit plus Tirol in Kooperation mit pro mente Tirol angebotenen „Erste Hilfe für die Seele“-Workshops erfreuen sich großer Beliebtheit, sind sie doch für den Arbeitsalltag der Schlüsselarbeitskräfte in den Sozialen Unternehmen durchwegs relevant.



Wie ein Brennglas...

wirkt die aktuelle geopolitische Lage in Verbindung mit den Nachwirkungen der Pandemie und verstärkt bestehende Krisenpotentiale. Die Ursachen sind mannigfaltig und reichen laut oben genannter Studie von krankheitsbezogener Angst über Einsamkeit, finanziellen Sorgen und Existenzängsten, zur Retraumatisierung Geflüchteter, Mehrfachbelastung von Frauen durch Care-Arbeit bis hin zu Gewalt und Wechselwirkungseffekten.


Angebote Sozialer Unternehmen

Zahlreiche Soziale Unternehmen im Netzwerk von arbeit plus Tirol bieten prozessorientierte, psychosoziale Beratung für jene Personen an, die sie beim (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt begleiten. Katharina Sparlinek, Personalentwicklerin bei arbeit plus Tirol Mitglied ARTIS, weiß um die Wichtigkeit entsprechender Angebote: „Stabilisierungsphasen, Unterstützung bei der Wiederherstellung der psychischen Widerstandskraft und dabei, wie mit Energien hauszuhalten ist, sind für unsere Klient:innen oft unerlässlich.“ Die Erfolgsgeschichten auf der ARTIS Website zeigen, wie wertvoll, wichtig und wirksam psychosoziale Beratungsangebote sein können.

 

„Berater:innen in unseren Mitgliedsbetrieben unterstützen dabei, neue Perspektiven zu entwickeln – sowohl beruflich als auch persönlich. Dazu sind geeignete Rahmenbedingungen unerlässlich,” betont arbeit plus Tirol Geschäftsführerin Melanie Spangler und fordert ausreichende finanzielle und zeitliche Ressourcen für Schlüsselarbeitskräfte und Klient:innen. Denn als ebenso wichtig wie eine professionelle Strategieentwicklung, um die Herausforderungen auf Seiten der Zielgruppen zu meistern, erweist sich ein sorgsamer Umgang mit den Ressourcen der Berater:innen und Arbeitsanleiter:innen in den Sozialen Unternehmen. Denn auch für sie verschärft sich durch die multiplen Belastungen der Klient:innen der Druck und auch diese Berufsgruppe ist vor krankheitsbedingten Ausfällen, Nachbesetzungsschwierigkeiten und einem Fachkräftemangel nicht gefeit. Es ist essenziell, ihnen ausreichend Möglichkeiten zu Supervision, Weiterbildung und zum Austausch zu ermöglichen. Dafür braucht es die nötigen strukturellen Bedingungen und Ressourcen.

 

Im gesamtgesellschaftlichen Kontext fasste die AMS / abif Studie von 2022 folgende strukturelle Maßnahmen zusammen und richtete – einen nach wie vor brandaktuellen - Appell an die Sozialpolitik: „Die Sozialpolitik ist gefordert, Maßnahmen zur Verringerung von Armut und (Langzeit-)Arbeitslosigkeit beizubehalten, sowie eine Verbesserung des gesellschaftlichen Zusammenhalts bzw. zivilgesellschaftlichen Engagements zu fördern. Dies könnte mittelfristig unter anderem durch institutionalisierte Aufarbeitungsarbeit oder gezielte Informationskampagnen geschehen. Für eine nachhaltige Gestaltung der Arbeitsmarktpolitik im Hinblick auf die Prävention von marktwirtschaftlichen Nachwirkungen und Langzeitarbeitslosigkeit bieten sich folgende Ansatzpunkte an: Miteinbeziehen von Arbeitgeber*innen, finanzielle Eingliederungshilfe, (Transit-)Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen in sozialen, ökologischen und kulturellen Projekten, Einstellungsquoten, sowie frühzeitiges Ansprechen psychosozialer Problematiken im Beratungskontext.“ (Kranner und Steine, 2022).

 

Dem können wir uns – basierend auf den Erfahrungen unserer Mitglieder, insbesondere im Zusammenhang mit Langzeitarbeitslosigkeit – vollinhaltlich anschließen. „Psychische Belastungen müssen ernst genommen werden. Wir müssen dem steigenden Druck angemessen entgegenwirken. Dazu müssen aber auch die Rahmenbedingungen passen,“ so Melanie Spangler, Geschäftsführerin von arbeit plus – Soziale Unternehmen Tirol.

 


 

Foto © Schmiede – Zukunft und Arbeit | arbeit plus NÖ

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